Ist Soltau zu retten?

Diese bange Frage beschäftigte die Soltauer am frühen Morgen des 28. Juni 1519. Folgende Nachricht aus Munster machte die Runde: Das feindliche Heer der Braunschweiger, das gegen die Lüneburger zu Felde zog, war am Abend des 27. Juni aus Richtung Hermannsburg vor Munster eingetroffen und lagerte am Kronsberg.

In der kurzen warmen Sommernacht gab es allerdings für alle wenig Nachtruhe. Die „recht wild zusammengesetzten Heerhaufen“ der Braunschweiger belästigten „das Dorf und seine Umgebung, stahlen, futterten und soffen, nahmen mit, was ihnen gefiel, verprügelten die sich ihnen entgegenstellenden Mannsleute und vergewaltigten die Weibsleute, wie das“ in Kriegszeiten „so Brauch und üblich“ ist.

Weiter wurde berichtet, dass beim Aufbruch des Heeres aus den Munsteraner Häusern alles herausgeholt wurde, was irgendwie einen Wert darstellte und die Landsknechte bei den im Tross mitfahrenden Händlern oder Marketendern in klingende Münze umsetzen konnten. Zu guter Letzt flogen die Brandfackeln in die Strohdächer, als das Heer den Weg nach Soltau antrat. Dem Heer voraus eilte die Botschaft: „Munster brennt, Soltau ist verloren!“

Da passierte etwas, was an ein Wunder grenzt. Das Braunschweiger Heer wechselte nur etwa 2 bis 3 Stunden nach dem Aufbruch aus Munster die Richtung und marschierte jetzt in Richtung Bispingen, hatte also den Weg nach Soltau verlassen. Während alle, die auch nur glauben, etwas von Kriegsführung zu verstehen, vor einem Rätsel wegen dieses für die Braunschweiger zeitaufwändigen Richtungswechsels stehen, kennen die Soltauer den wahren Hintergrund dieses Geschehens.

Harm Tyding (auch Hermann von Tyding genannt) ermunterte seine Mitbürger, sich mit allerhand Gerät, z. B. Topf und Deckel, zu versorgen, mit dem man Krach machen kann, ließ Tücher an lange Stangen nageln und zog mit seinen so „bewaffneten“ Soltauern dem Braunschweiger Heer bis zum Schellberge bei Harber entgegen. Wie verlautet, war es gelungen, auch ein paar Büchsen aufzutreiben, die man mehrfach abschoss.

Am Schellberge täuschte man durch Hin- und Hermarschieren die feindliche Vorhut, die nun glaubte, das Lüneburger Heer vor sich zu haben, auf das man sich kampfmäßig noch nicht vorbereitet wähnte. Die Braunschweiger waren „bestürzt über das rasche Nahen des Lüneburger Heeres. Und so nahmen sie sich nicht die Zeit, nachzuforschen, was dort am Schellberge heran zog. Sie bogen nordwärts ab über Emmingen und Hötzingen nach Bispingen, Ortschaften, die alle das Schicksal erlitten, vor dem Harm Tyding Soltau durch seine List gerettet hat.“

Die letzte Ritterschlacht

Anlass für die Fehde war das energische Bestreben des Hildesheimer Bischofs Johann (Spitzname Hans Magerkohl), die zerrütteten Finanzen des Bistums neu zu ordnen. Zu diesem Zweck wollte er an Mitglieder des Adels verpfändete Territorien, Burgen usw. wieder einlösen. Dagegen wehrte sich der Stiftsadel energisch, weil das jeweilige „Pfand“ teilweise schon sehr lange im Familienbesitz war und nicht selten die wirtschaftliche Lebensgrundlage darstellte.

Etwa 60 Mitglieder des Stiftsadels suchten daher nach Verbündeten gegen ihren Bischof und fanden diese auch im Wolfenbütteler Herzog Heinrich d. Jüngeren mit seinen Brüdern – u. a. Die Bischöfe Franz von Minden und Christoph von Verden und Bremen – und ihrem Onkel, Herzog Erich von Calenberg, also den Braunschweiger Welfen. (Der Einfachheit halber wollen wir diese Partei „Die Braunschweiger“ nennen.)

Die Braunschweiger halfen schon aus ganz persönlichen Gründen dem Hildesheimischen Stiftsadel gegen den Hildesheimer Bischof. Schließlich hatten die Hildesheimer Bischöflichen die Braunschweiger Bürger 1492 – 1494 gegen die Braunschweiger Herzöge unterstützt. Außerdem hatten die Braunschweiger bereits wegen einiger kleinerer Gebiete um Stadtoldendorf Streit mit dem Hildesheimer Bischof, der sich weigerte, diese von den Welfen 1433 an das Bistum Hildesheim verpfändeten Bereiche zugunsten der Braunschweiger auslösen zu lassen. Diese Weigerung war begründet in einem Vertrag zwischen dem Hildesheimer Bischof Johann und dem Lüneburger Welfen Heinrich d. Mittlere, der aus diesem Pfand erneut Hildesheimer Geldleistungen bezogen und dadurch natürlich seine Braunschweiger Verwandtschaft verärgert hatte. Wegen der Grafschaft Diepholz, die dem Lüneburger Welfen lehnspflichtig war, gab es ebenfalls Spannungen zwischen den Lüneburgern und den Braunschweigern.

Es lag jetzt nahe, dass sich Bischof Johann von Hildesheim um den Lüneburger Herzog Heinrich d. Mittlere als Verbündeten bemühte, was auch spätestens gelang, als der Sohn Franz des Lüneburger Herzogs zum späteren Nachfolger des Hildesheimer Bischofs gewählt wurde.

Als weitere Verstärkung brachte der Lüneburger Herzog Heinrich d. Mittlere u. a. seinen Schwiegersohn Karl von Geldern in das Bündnis mit Hildesheim ein. (Diese Partei nennen wir einfach „Die Lüneburger“.)

Noch eines trennte die beiden Kriegsparteien. Während die Braunschweiger für die bevorstehende Kaiserwahl den Habsburger Karl unterstützten, waren die Lüneburger auf Seiten des französischen Königs Franz I. Dieses sollte später noch große Bedeutung haben.

Die Lüneburger eröffneten im Frühling des Jahres die Feindseligkeiten mit Eroberung des ganzen Stiftsgebiets von Minden und bewegten sich, nachdem der Mindener Bischof Franz geflohen war, rasch in das Land zwischen dem Deister und der Leine, Herzog Erichs Herrschaft, wo mehrere Städte verheert und der Kalenberg, Herzog Erichs Festung, beschossen wurden.

Um hierfür Rache zu nehmen, verfuhren die Braunschweiger ebenso im Hildesheimischen, Herzog Heinrich d. J. und Herzog Erich und der Bischof Franz selbst an der Spitze. Sie drangen in das Lüneburgische vor, wo sie durch rauchende Trümmer den Weg bezeichneten, den sie mit ihren Heeren nahmen.

Endlich trafen am 28. Juni 1519 nicht weit von der verdenschen Grenze auf der Heide bei Soltau die Heere aufeinander. Heinrich von Lüneburg, der die Gegend am genauesten kannte, hatte einen Teil seines Heeres in einen Hinterhalt im Walde gelegt, denn er wusste wohl, dass er es mit einem kriegserfahrenen Gegner zu tun hatte.

Der in Schlachten und Siegen ergraute Erich von Kalenberg war der Mann, der die Vorteile und Nachteile eines Schlachtfeldes auf den ersten Blick übersah. Wirklich wollte Erich auch die günstigste Stellung wählen und den Angriff der Lüneburger erwarten. Dagegen drang der Wolfenbütteler Heinrich mit ungestümem Mut auf die Eröffnung des Kampfes und die Schlacht begann.

Aber nicht immer ist das Glück im Bunde mit dem Kühnen. Die Schlacht lief unglücklich für die Braunschweiger. Der Lüneburger Hinterhalt überflügelte die Braunschweiger, das Geschütz wurde genommen und die Flucht wurde allgemein. Herzog Heinrich von Wolfenbüttel und Bischof Franz von Minden flohen in das Verdensche und fanden auf dem festen Schlosse Rotenburg ihre Sicherheit.

Als schon alle flohen, hielt aber noch Herzog Erich festen Stand und wehrte mit kräftiger Faust den immer mächtiger werdenden Andrang ab. Ein lüneburgischer Ritter, Krage hieß er, legte seine Lanze ein und verwundete Erich im Oberschenkel, doch der saß noch tapfer im Sattel und führte den verzweifelten Kampf noch eine Weile fort, bis das aus der Wunde strömende Blut die Kraft erschöpfte. Weil er sich aber keinem Lüneburger ergeben wollte, rirt der Herzog auf einen geldrischen Ritter zu und reichte ihm das Schwert, zum Zeichen dafür, dass er sein Gefangener sein wollte. Ebenso ging es mit dem Prinzen Wilhelm von Wolfenbüttel. Auch er wich erst, als der Sieg unmöglich war und ergab sich auf einem Bauernhofe in dem Dorfe Wollensen dem Ritter Lübbert von Wrisberg, nachdem er bis zur gänzlichen Ermattung gekämpft hatte.

Das war ein gewaltiger Sieg für die Lüneburger. Zwei Fürsten, mehrere Grafen und 119 Ritter gefangen. 3000 Streiter lagen auf dem Schlachtfeld und der Rest des feindlichen Heeres war versprengt. Das gesamte Geschütz und eine ungeheure Beute fiel in die Hände der Sieger.

Ein Sieg „für die Katz“

Die Lüneburger konnten ihren Sieg jedoch nicht genießen. Am Tage der Schlacht nämlich war der Habsburger Karl V. zum Kaiser gewählt worden. Die Braunschweiger nutzten die Tatsache, dass die Lüneburger den Gegenkandidaten Franz I. von Frankreich unterstützt hatten, konsequent propagandistisch aus.

Die Diplomaten der Braunschweiger sorgten dafür, dass Kaiser Karl V. nicht vergaß, dass die Lüneburger sich gegen ihn gestellt hatten. Auf dem Reichstag von Worms 1521 wurde per kaiserlichem Spruch verfügt, dass die Kriegsparteien alle Territorien, Gefangenen und sonstigen Gewinne aus der kriegerischen Auseinandersetzung herauszugeben hatten. Es war deutlich, dass dieser Spruch in erster Linie die Lüneburger traf. Weil Bischof Johann von Hildesheim Einspruch erhob, wurden er, Heinrich der Mittlere von Lüneburg und andere mit der Reichsacht belegt. In der Folge verlor das Bistum Hildesheim mehr als die Hälfte seines Territoriums an die Braunschweiger.

Herzog Heinrich der Mittlere von Lüneburg entzog sich der Vollstreckung des kaiserlichen Spruches durch Flucht an den französischen Hof. Er übergab die Regierung im Fürstentum Lüneburg seinen Söhnen, denen es gelang, einen Separatfrieden ohne weitere größere Verluste abzuschließen.

 

Literaturhinweis:

Die bei der Erstellung der Texte benutzten Bücher und sonstigen Publikationen sind im Literaturverzeichnis angegeben. Sollten uns hierbei Fehler unterlaufen sein, bitten wir um korrigierende Hinweise.

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